SF Drensteinfurt 1    -    Türme Billerbeck 2        6:2

Es geht wieder los!

Nach 1,5 Jahren durch Pandemie stillgelegten Lebens, konnten wir nun endlich wieder einen Mannschaftskampf, wenn auch in nicht ganz gewohnter Atmosphäre, führen. Auf der einen Seite steht natürlich im Vordergrund, dass die notwendigen Hygiene-Maßnahmen eingehalten werden müssen, auf der anderen Seite fand unser erstes Spiel der neuen Saison am Vortag der großen Bundestagswahl statt. Was das für uns genau heißt? Sowohl der Kulturbahnhof als auch die Alte Post standen uns dieses Mal nicht zur Verfügung. Also fanden wir uns Schluss endlich mit FFP2-Maske an Schachbrettern in der evangelischen Kirche wieder (an der Stelle einen großen Dank an die evangelische Kirche und auch an die Pfandfinder, bei denen wir auch hätten spielen dürfen).

 

Nach einem doch recht langen Eingangswort, nun zum S(ch)achlichen:
Wie immer zog ich auch an diesem Tag  nach etwa einer Stunde für mich ein erstes Fazit. Dieses sollte lauten, dass wir an allen Brettern erst einmal gut gestartet waren, aber auch nirgends einen klaren Vorteil hatten. Bei Tilly schien der Gegner den Gambitbauern verschmäht zu haben, was aber nur auf Kosten einer etwas gedrängten Stellung möglich war. Christophe sah ich einen Vorteil in Form eines Bauern, aber auf Kosten von sehr schwachen weißen Feldern. Bei mir war eine ähnliche Situation, nämlich ein Plusbauer und dafür schwache schwarze Felder. Alle anderen Partien sahen für mich komplett offen aus. Insofern war mein Fazit hier:
Ja, wir sind nominell die stärkere Mannschaft. Aber ein Mannschaftssieg ist noch in sehr weiter Ferne.

Die ersten drei Entscheidungen fanden dann nach etwa drei Stunden statt. Christophe konnte erst aus dem einen Mehrbauern einen zweiten rausschlagen, ehe er dann seine Bauern gegen eine Figur eintauschen durfte. Zwischendurch hatte ich das Gefühl, dass sein Gegner dafür ordentlich Kompensation in Form von besserem Figurenspiel erhalten hatte. Nachdem die Mehrfigur aber gewonnen war, konnte sich Christophe gut befreien und der Rest war Fingerübung. (1:0)
Auf der anderen Seite konnten die Billerbecker aber den direkten Ausgleich erzielen. Marco stand eigentlich die Partie über immer im Ausgleich. Zwischendurch dachte ich sogar, dass er leicht aktiver stand. Auch ein frühes Remis-Angebot lehnte er ab; nicht weil er sich so viel dominanter sah, sondern weil es einfach noch zu früh in der Partie war und die Ausgänge auf den anderen Brettern noch nicht abzusehen waren. Ärgerlicherweise übersah Marco dann aber einen Abzugsangriff, durch den eine Figur und damit auch die ganze Partie verloren ging. (1:1)
Aber die erneute Führung ließ nicht lange auf sich warten. Bei David hatte sich schon zu Beginn viel abgetauscht und es blieben die Schwerfiguren und jeweils eine Leichtfigur sowie eine Reihe von Bauern übrig. Beide Parteien suchten mit den Schwerfiguren die Nähe des gegnerischen Königs. Ich weiß nicht, ob er in dieser Situation einfach die besseren Nerven behalten hat, aber am Ende blieb David das bessere Ende vorbehalten. (2:1)
Wenig später kam es auch bei Andre zu einer Entscheidung. In der Eröffnung wurde Andre ein bisschen überrascht, meinte sich aber an eine Meisterpartie zu erinnern, bei der ein Damenausflug tief in den generischen Damenflügel das richtige Manöver gewesen sei. In Folge dessen kam Andre aber nicht so richtig in die Art von Partie, die ihm eigentlich liegt. Beide Seiten versuchten ein bisschen was, aber so richtig zufrieden war wohl niemand mit der Partie. Die Konsequenz: eine Punkteteilung. (2,5:1,5)

Während der Zeitkontrolle nach etwa vier Stunden war es dann Zeit für ein weiteres Fazit. Wir führen hauchdünn, meine eigene Partie höchst unklar, Tilly, Maurice und Jo immer noch in ausgeglichener Stellung. Tilly meinte später am Abend noch zu mir: "Also zu der Zeit habe ich mich auch gefragt: gewinnen wir das heute hier überhaupt?"  

Doch etwa eine halbe Stunde später kippten dann die Partien doch noch. Tilly, der eigentlich die ganze Partie über nie schlechter stand, hatte sich meiner Meinung nach im Mittelspiel das Leben etwas schwer gemacht und dann über verschiedene Taschenspielertricks versucht, schnell die Entscheidung herbeizuführen. Ich glaube, dass er stattdessen auch seinen kleinen Vorteil hätte langsam bis ins Endspiel tragen können. Sein Gegner wusste die kleinen Tricks gekonnt abzuwehren, ehe er dann doch ein bisschen zu mutig wurde und in einen Angriff hineinlief, der aus langer h1-a8-Läuferdiagonalen, 7.-Reihe-Dame und einem weit vorgerückten Bauern bestand. Dagegen ist dann kein Kraut gewachsen. (3,5:1,5)
Warum war damit der Kampf entschieden? In der Zwischenzeit hatte Jos Gegner einen Bauern zu weit vorgerückt. Dieser ging verloren und man fand sich auf einmal in einem Bauernendspiel mit verkeilten a-d Bauern und 2 gegen einen Bauern am Königsflügel wieder. Dies konnte Jo dann so abwickeln, dass am Königsflügel nur noch sein h-Bauer überblieb, den man zwar nicht so ohne weiteres umwandeln kann, aber er ist dann doch ablenkend genug, um als Erster am Damenflügel auf Bauernfang zu gehen. (4,5:1,5)
Bei Maurice habe ich tatsächlich erst etwa 10 Minuten nach Ende des Spieltages erfahren, dass die Partie Remis ausging. Aber der Reihe nach. Aus der Eröffnung kam Maurice wirklich gut. Eine frühere Besetzung des Vollzentrums wäre vermutlich sehr vielversprechend gewesen, war ihm aber nicht ganz geheuer. Stattdessen spielte Maurice das Mittelspiel sehr ruhig und beide Parteien konnten sich gut aufbauen. Irgendwo muss wohl eine Ungenauigkeit gewesen sein, denn später ergab sich ein Damenendspiel mit Mehrbauern für Maurices Gegner. Häufig kann die Minusbauer Partei in einem Damenendspiel natürlich Remis halten, aber da der Mehrbauer schon sehr weit vorgerückt war, dachte ich, dass der Gegner das verwerten könnte. Da ich mit meiner eigenen Partie sehr beschäftigt war, habe ich den Schluss der Partie nicht live gesehen. Deshalb dachte ich auch, dass Maurice verloren hätte; im Endeffekt konnte er aber den gegnerischen König so in Schach halten, dass sein Gegner nicht über das Remis hinauskam. (5:2)
Übrig bleibt meine eigene Partie. Den Bauern, den ich in der Eröffnung gewonnen hatte, habe ich wenig später zurückgegeben, um mit meinen Schwerfiguren die einzig offene Linie besetzen zu können. Generell sah das alles sehr vielversprechend aus, aber mein Gegner hat das noch sehr zäh verteidigt. Nach einiger Zeit fand sich mein h-Bauer auf h3 wieder, was natürlich immer zweischneidig ist. Im Endspiel geht der schnell mal verloren und man hat womöglich ein Endspiel mit Minusbauern. Aber solange man im Mittelspiel ist, kann der auch ganz schön nerven. Noch im Mittelspiel befindlich schirmte mein Gegner meine verteidigenden Figuren vom h3 ab und machte dann den entscheidenden Fehler: er genehmigte sich den Bauern mit seinem König. Dadurch konnte ich mit Schwung einen weiteren Bauern "opfern". Die Anführungszeichen heißen hier, dass wenn er diesen Bauern auch noch geschluckt hätte, dass ihm die Stellung dann komplett auseinandergeflogen wäre. Aber auch so war es schwierig noch eine gute Verteidigung zu finden. Es folgte ein Dauerbeschuss seines Königs bis hin zu einem nicht mehr abzuwendenden Matts. (6:2)

Mein drittes und letztes Fazit, bevor ich den Stift an die Seite lege:
Wir haben einen wichtigen ersten Sieg errungen und uns damit an die Spitze der Tabelle setzen können. Jedoch ist das Ergebnis in zweierlei Hinsicht überraschend. Zuerst einmal hatten wir uns im Vorhinein ein ähnlich hohes Ergebnis erhofft aufgrund der doch recht klaren nominellen Überlegenheit. Andererseits spiegelt ein so deutliches Ergebnis nicht wider, dass man bis weit über die Halbzeit nicht genau sagen konnte, ob wir das Spiel überhaupt gewinnen werden.

Yannic Bröker